Kurzfassung für Eilige: Gute Geschichten ziehen uns in eine Welt hinein, erzeugen Bilder im Kopf und halten uns über Szenen, Spannung und gezielte Pausen am Ohr. Wer Audio erzählt, denkt in Szenen statt Themen, baut einen klaren Bogen und führt Gespräche so, dass Menschen erzählen – nicht nur antworten.
Warum Storytelling im Audio wirkt
Menschen erinnern und bewerten Informationen besser, wenn sie in Geschichten eingebettet sind. Die Kommunikationsforschung nennt das Narrative Transportation: Wenn Zuhörer:innen in eine Story „hineingezogen“ werden, steigen Aufmerksamkeit, Verständnis und sogar Einstellungsänderungen. communicationcache.com+1
Im O-Ton heißt das: Stimme + Szene + Sinn. Audio ist besonders wirksam, weil Stimme Nähe schafft und unser Gehirn akustische Bilder zu kompletten „Filmszenen“ ergänzt. EMMA RODERO
Die Bausteine: Struktur schlägt Zufall
1) And–But–Therefore (ABT)
Ein kompakter, universeller Erzählrahmen:
AND – Kontext & Status quo
BUT – Konflikt & Problem
THEREFORE – Konsequenz & Lösung
ABT kommt aus der Kommunikationsforschung rund um Story-Frames (Randy Olson) und hilft, Episoden klar und spannungsgeführt zu planen – vom Teaser bis zum Schluss. ian.umces.edu+1
2) Denken in Szenen, nicht in „Themen“
Audio-Gurus raten: Geschichten als Abfolge konkreter Ereignisse bauen („Das passierte, dann das…“) – jede Szene hat Ort, Zeit, handelnde Personen, Handlung. Das erhöht Verständlichkeit und Sog. Transom+1
3) Der Bogen
Hook (0:00–0:30): Ein Moment, eine Frage, ein Widerspruch.
Aufbau: Wer will was – und was steht im Weg?
Wende: Unerwartetes Hindernis oder neue Information.
Auflösung: Ergebnis + Bedeutung.
So planst du eine hörbare Episode (Blueprint)
Cold Open: Starte mit einer Mini-Szene (Originalton, Geräusch, starke Zeile).
Versprechen: In 1–2 Sätzen sagen, worum es wirklich geht (die große Frage).
ABT-Setup: Kontext (AND) → Konflikt (BUT) → Leitfrage/Ziel (THEREFORE).
Szenenkette: 3–5 Szenen, jede mit Mikro-Handlung und Mini-Frage.
Wende/Reveal: Etwas ändert die Lage – Gefahr der Lösung oder neuer Blick.
Reflexion: Was bedeutet das? Nicht predigen, sondern Bedeutung hörbar machen. (Viele Redaktionen empfehlen dezente „Signposts“/Hinweisschilder für die Orientierung.) Transom
Abspann mit Nutzen: Eine Sache, die Hörer:innen mitnehmen oder tun können.
Szenen bauen: so klingen sie lebendig
Ort & Sinneseindruck zuerst: „Metalltüren klacken, Neon summt.“
Eine Person im Fokus: Ein:e Protagonist:in mit Ziel & Hindernis.
Aktion + Originalton: Nicht nur über etwas reden – hören, wie es passiert.
Ambience dosiert: Atmo gibt Tiefe, darf aber Stimmen nie überdecken. BBC-Redakteur:innen betonen den Einsatz echter Ortstöne – aufgenommen vor Ort – für Authentizität. downloads.bbc.co.uk
Klar signposten: Knapp ansagen, wo wir sind, wer spricht, was als Nächstes kommt. Transom
Pro-Tipp: Das „Layered Approach“-Denken aus Radiolab-Interviews: Plot (Was passiert?) → Visuals (Wie sieht/fühlt es sich an?) → Meaning (Warum zählt es?) – so sammelst du in Gesprächen Szenen-taugliches Material. Transom
Spannung & Pace: mit Rhythmus erzählen
Tempo wechseln: Wichtige Sätze langsamer, Faktenblöcke knapper.
Pausen wirken: Kurze Stille erhöht Aufmerksamkeit und Verständlichkeit; Forschung zeigt, dass Sprechtempo & Informationsdichte die kognitive Verarbeitung hörbarer Botschaften messbar beeinflussen. repositori.upf.edu
Musik/Score: Nur, wenn sie erzählt (Kontrast, Übergang, innerer Zustand) – nicht als Dauerteppich.
Interviewtechniken, die Menschen zum Erzählen bringen
Vor dem Gespräch
Szenen-Briefing: Welche Bilder/Töne brauchst du? Geräusche, Orte, Momente notieren. (Denken in Szenen.) Transom
Warm-Up: Erst leicht, persönlich, situativ – der „Moment der Verbindung“ verbessert Tiefe und Offenheit. Nieman Reports
Fragen stellen
Offen statt ja/nein („Erzähl mir von…“, „Wie hat es sich angefühlt, als…?“). Renommierte Journalistenschulen betonen offene Fragen als Standard. poynter.org+2poynter.org+2
Nachfassen & Schweigen: Die beste Antwort kommt oft nach der Pause. poynter.org
Vollständige Sätze motivieren („Kannst du das als ganzen Satz sagen…?“) – spart dir später Erzähl-„Kleber“. poynter.org
Im Gespräch
Beschreiben lassen (Gerüche, Geräusche, Details) → Szenenstoff. Nieman Storyboard
Konflikt erfragen („Was war der schwierigste Moment?“) → Bogen. Nieman Storyboard
Menschen miteinander reden lassen (Mini-Debatte/Interaktion) – ergibt dynamische O-Töne. downloads.bbc.co.uk
Vom Rohmaterial zur Episode: ein praxistauglicher Workflow
Storyziel definieren: Ein Satz: „Wir zeigen, wie X trotz Y Z schafft.“
ABT-Skizze (5 Minuten) → Szenenliste mit je 1–2 Belegen (O-Ton, Detail, Zahl). ian.umces.edu
Interviewleitfaden: Offene Fragen + Szenen-Checks („Was sahst du zuerst? Was passierte dann?“). poynter.org
Aufnahme vor Ort: 30–60 Sek. saubere Atmo an jedem Ort. downloads.bbc.co.uk
Rohschnitt nach Struktur (Hook → Aufbau → Wende → Auflösung).
Mikro-Editing: Störgeräusche raus, natürliche Pausen bewahren (Wirkung!). repositori.upf.edu
Feinschnitt & Signposting: Kurze Brücken, klare Orientierung. Transom
Mix: Stimmen vorne, Atmo/Musik stützen, nie maskieren. (Für vertiefte Mixing-Howtos siehe Trainingsressourcen großer Redaktionen.) YouTube


